Sommer 1980.
Irgendwo an der spanischen Mittelmeerküste
steht hoch oben auf der weit überhängenden Klippe
sturmumbraust ein weißes Wohnmobil.
Winde toben, Blitze donnern, der Himmel schüttet sich aus.
Drinnen bei Kerzenlicht sitzen drei braungebrannte Geschwister um das
Monopolybrett – zwei Brüder ihre Ängste durch lautes Gelächter und
strategische Diskussionen verdeckend, die jüngste gedankenversunken still
und am Verstand ihres Vaters zweifelnd:
Ein Handschuh?
Was sollte ein Handschuh unter dem Wagen gegen diesen verdammten
Sturm ausrichten?
Würfeln, Karte, Gefängnis.
Weit draussen sind die Lichter des fernen Orts zu erkennen.
Beim Bummel am Vormittag war die Welt noch in Ordnung:
Eine Handvoll Postkarten, ein Strohhut, eine grobe Lederhandtasche und
ein Plastikfächer mit aufgedruckten Flamencotänzerinnen liegen
nun neben ihr.
Die Brüder tragen neue Schwimmflossen.
Erste Anzeichen gab es schon, als der Vater stolz mittags nicht nur
Salat und Brot, sondern auch Seezunge vom Grill servierte.
Seezunge!
“Tisch abräumen, Essen ist fertig!”, dringt es durch den
nächsten Wasserfall und jedes Murren der Brüder ist umsonst,
da kennt der Vater kein Pardon.
Teller werden verteilt und Besteck, Brot und Servietten,
Schüsseln mit Saucen und Brot.
In die Mitte des Tischs stellt der Vater strahlend eine große Platte:
“Antischocken!”
Das Wohnmobil erzittert unter der letzen Bö des Abends,
während die Jüngste den Vorhang zum Alkoven zuzieht.
Gebackene Artischocken mit Paprikacreme
Gelbe Paprika vierteln und mit der Haut nach oben bei 200°C
im Ofen grillen, bis die Haut schwarze Blase wirft.
In eine Schüssel geben und 10 Minuten abgedeckt stehen lassen,
dann kann man die Haut sauber abziehen.
Kleine Artischocken putzen, dazu den Stiel abbrechen, das obere
Drittel mit einem Sägemesser abschneiden und in der unteren
Hälfte die harten Blätter ebenfalls.
Die Schnittstellen sofort mit Zitronensaft beträufeln.
Nun die Artischocken stehend in eine Form oder einen Topf geben,
jeweils ca. 50ml Gemüsebrühe hineingießen, mit Zitronenscheiben
belegen und bei 180°C ca. 30 Minuten backen.
Die Paprika im kleinen Mixbecher mit Pürierstab sehr musig pürieren,
mit Olivenöl, Salz, etwas Knoblauch und weißem Pfeffer abschmecken
und aufmixen. Wer mag, kann hier auch ein Eigelb zugeben.
Bis heute denke ich bei Hemmschuh, Seezunge und Artischocken
an diesen Abend 1980 auf der spanischen Klippe, an Brüder in Schwimmflossen,
die sich in Regentropfen brechenden Lichter des Dorfs und an Monopoly.
Und am heutigen Tag auch an zorra in Spanien,
der ich diesen Beitrag zu ihrem 8. Bloggeburtstag widme.








Liebe Heike,
toller Beitrag – sogar grossartig!
Liebe Grüsse aus Zürich,
Andy
Danke dir :)
Geschichte! Ich mag ja nun mal Geschichten…
Ich auch! Und macht auch so Spaß, sich an solche ersten Begegnungen zu erinnern :)
Ach Heike…..wie ich Deine Fotos liebe, bewundere. Und ich sterbe ja für Artischocken. So, genaus so, Blatt für Blatt abgezupft. Und meine Kinder nennen Sie noch heute spasseshalber ANTIschocken.
Ich bin gar kein so großer Artischockenfan, aber so zum snacken mag ich sie dann doch.
An irgendeinem langweiligen Wintersonntag ist unser Fotokurs dran, versprochen!
Dann sagt ihr aber Bescheid ! Ich bin dabei !
Das wird lustig !
Lustig für wen?
Heike,
deine Art zu schreiben wird nur noch durch deine Fotos getopt.
Ich hätte nie geglaubt, beim Anblick einer Artischocke mal ne Gänsehaut zu bekommen…..unglaublich !
Kommt natürlich noch erschwerend hinzu, daß Artischocken mein absolutes Lieblingsgemüse sind.
So…ich les jetzt nochmal
Wow, danke dir, lieber Freund!
Auch ich verbinde mit Artischocken Camping-Erinnerungen. Bei uns war’s Frankreich und anfangs ein Zelt, später ein Mobilhome. Gegessen draußen, mit den Füßen im warmen Sand… Wen wundert, dass unsere Kinder Artischocken lieben!
Essen mit Füßen im warmen Sand, was für ein schönes Bild!
Was für eine wilde Geschichte – genau nach meinem Geschmack! Die Artischocken sowieso! Als Kind habe ich verkündet: «Wieso kann es von Artischocken nicht mal ganz viele geben? Soviele, bis man wirklich satt ist?»
Ich glaub fest dran, dass es das nicht gibt. Weil man während des Essens ja schon wieder hungrig wird…
Sowas von lecker! Da könnte ich gar nicht aufhören zu essen. Gebackene Artischoken! Mhm. Erstklassige Fotos noch dazu! Ein “Muss-Rezept” für das Kochbuch.
Liebe Grüße
Anna
Ich hab mir auch ganz viel Mühe gegeben! :)
…ich will auch zum Fotokurs kommen….
Machen wir mal per Webcam, mit einem Apfel. Ich denk mir was aus :)
Edit: Blödsinn, du machst doch schon super Fotos?
Ich will dann auch beim Webcam-Kurs mitmachen.
Ich lass mir was einfallen :)
Ich bin mir sicher, dass Du beim Schreiben nichts dem Zufall überlässt, so auch als der Vater in die Mitte des abgeräumten Tisches “Antischocken” stellte. Nennst Du sie deshalb so, weil ihr sie als Kinder doch noch nicht so mochtet, und Du sie heute noch nicht unbedingt liebst? :-)
Ich würde am liebsten aus den Bildern naschen …
Liebe Grüße von Barbara :-)
Da hast du ganz recht, liebe Barafra, beim schreiben geb ich mir große Mühe :)
Ich mag in der Tat Artischocken gar nicht so sehr, ausser so zum zutzeln. Muss am damaligen Trauma liegen *g*
Was für eine schöne Erinnerung und so schön geschrieben, wie nur du es kannst. Ich fühle mich sehr geehrt, dass du die Geschichte mit mir verbunden hast. Danke meine Liebe, auch für die leckeren Artischocken.
Das hab ich ganz ganz gerne gemacht, Meisterin!